Konzepte der Nachwuchsförderung

Die erste Person Singular kommt ins Spiel, sobald es um das Bauen von Institutionen geht. Die Höflichkeit sucht nach Passivformen, doch kann man das ›Ich‹ nicht vermeiden, will der Begriff ›wissenschaftliche Institution‹ kein Oxymoron bleiben, sondern auf eine Erkenntnis jenseits der Konformität führen. Gerade angesichts von Peer Review und Akkreditierung wirkt es unvermeidlich als eine Provokation, zu sagen: ›Il faut avoir courage de son autorité‹. In diesem Sinn bilden die verschiedenen von mir entwickelten Modelle der Nachwuchsförderung eine Einheit (die bei mir entstandenen und entstehenden Promotionsarbeiten sind davon geprägt).

Das Peter Szondi-Kolleg – der aktuelle Weg – geht zurück auf die Marbacher Sommerschule Literaturwissenschaft in Marbach im Deutschen Literaturarchiv, die ich nach dem Vorbild der Meisterklassen in der Musik konzipierte und in den Jahren 2003 und 2005 gemeinsam mit Horst Thomé leitete (der DAAD, der uns von Anbeginn experimentell unterstützte, übernahm das Konzept dann in das reguläre Förderprogramm). Das Marbacher Modell erlaubte es, mit einer ausgewählten Gruppe von Nachwuchswissenschaftlern drei Wochen lang zu arbeiten, doch die Intensität der gemeinsamen Arbeit fand keine Fortsetzung in weiteren Treffen.

Diesen Mangel auszugleichen, war der Zweck des im Jahr 2006 gegründeten Peter Szondi-Kollegs. Das neue Modell, das in der Anfangsphase wiederum vom DAAD und später auch von der Thyssen-Stiftung unterstützt wurde, sah nun regelmäßig wiederkehrende Workshops einer sorgfältig ausgewählten und jeweils behutsam ergänzten Gruppe von hoch qualifizierten jungen Forscherinnen und Forschern (an wechselnden Orten) vor – einige Kollegiaten waren schon in Marbach dabei. Literaturwissenschaftler verschiedener Disziplinen aus verschiedenen Ländern (neben Deutschland u.a. aus China, Dänemark, Frankreich, Italien, Kanada, Österreich, Rumänien, der Schweiz und den USA) treffen sich.

Die reflektierte, kritische Genauigkeit des Namensgebers Peter Szondi, des großen Literaturwissenschaftlers und Essayisten (1929-1971), des Begründers der ›literarischen Hermeneutik‹, gibt das Vorbild. Die Emphase zugunsten großer Werke der Literatur, die mich schon zur Gründung der Sommerschule bewegte, blieb erhalten, indem die Workshops jeweils einem Text galten, zunächst Goethes ›Faust II‹, dann dem ›König Ödipus‹ von Sophokles, und bald Rilkes ›Sonetten an Orpheus‹. Als nächstes stehen die ›Dionysos-Dithyramben‹ von Friedrich Nietzsche auf dem Programm.

Die kritisch-hermeneutische Konzentration auf Werke begegnet – methodisch gewollt – im Promotionsprogramm Theorie und Methode der Textwissenschaften und ihre Geschichte, das von den Universitäten Göttingen und Osnabrück getragen werden, auf andere, im Augenblick geläufige Verfahren, seien sie analytisch, empirisch oder strukturalistisch. Immer gilt das Gespräch.