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Diskussionsbeitrag zum Forum München 1966, Tagung des Deutschen Germanistenverbands, 14.9.2004

Auf die Frage von Klaus-Michael Bogdal nach den ersten Monaten des Lexikons die Antwort:

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Lage des ›Internationalen Germanistenlexikons 1800-1950‹ war paradox.

Das Paradox geht vom Schreibtisch aus - und zwar vom Schreibtisch der Gelehrten, die Gegenstand des Lexikons sind. Von diesem Schreibtisch her ist das Lexikon entworfen, also nicht vom Seminar und erst recht nicht vom Zuhause. Ihre Praxis steht im Mittelpunkt.

Am Schreibtisch treffen Faktoren, samt ihrer historischen Tradition aufeinander, die auf Verschiedenes aus sind. Dort will der Wissenschaftler etwas über seinen Gegen­stand in Erfahrung bringen und unterstellt sich einem Wahrheitsanspruch. Meist vergißt er dabei nicht, in der Institution reussieren zu wollen, so daß seine Methoden- und Gegenstandswahl in die Gravitation von strategischen Überlegungen geraten können, schließlich bilden sich im Laufe des Lebens ethische Normen aus, denen er sich kaum entziehen kann. Das Lexikon sucht die Kräfte zu dokumentieren, die in der philologischen Praxis am Werk sind. Die Hauptabteilungen der Artikel heißen daher: Leben, Laufbahn, Publikationen, Literatur, Archive. In den Abteilungen selbst gilt es, die Mischungen zu zeigen. Daher werden zum Beispiel bei den Publikationen, die eigentlich ausschließlich dem Wissensanspruch dienen sollten, auch Kommunikationswege eigens dokumentiert: etwa in ausführlich wiedergegebenen Widmungen.

Da die so begriffene philologische Praxis konkret ist, material im Sinn einer ›materialen Hermeneutik‹, können dort Entscheidungen getroffen werden, die Folgen haben. Die Bibliothek, die den Schreibtisch umgibt, wird zum Sinnbild dafür, daß der Gelehrte sich in seiner Praxis auch anders als erwartet entscheiden kann. Statt sich an die Fachgrenzen zu halten (also an Vereinbarungen, die das Leben erleichtern sollen), wird er seine Bücher nach den Welten zusammenstellen, in die ihn sein Gegenstand führt.

Man kann das verallgemeinern und sagen: Das Lexikon ist nur insofern biographisch, als der Einzelne sich eine Biographie geschaffen hat, und zwar in den heterogenen Welten von Wissenschaftsgeschichte, Kultur und Erziehung, Politik, seinen Strategien und der ihn prägenden scientific community. Auch innerhalb einer Geschichte dessen, was unter ›Persönlichkeit‹ zu verstehen sei. Das geschah nicht immer gegen die Strukturen, die in der Kapitelgliederung, den Registern und in der CD-ROM sichtbar sind.

Das Lexikon beleuchtet die Elemente historischer philologischer Praxis einzeln und erlaubt so, Entscheidungen der Gelehrten nachzuvollziehen. Sie konnten, sieht man nun, auch anders ausgefallen sein. Damit wird das Lexikon, wenn dessen Artikel vom kritischen Leser interpretiert werden, zu einem Ort der Hoffnung im Vergangenen, um die Gedankenfigur Walter Benjamins aufzugreifen. Nehmen Sie nur die Erstarrung, die mit politischen Entscheidungen, oder auch mit dem Streit von Institutionen einhergehen kann. Doch nicht erst das Lexikon erkennt Miseren, sie werden oft genug in der Geschichte erkannt und – in einer Art Selbstermächtigung – korrigiert. München 1966 ist dafür ein Beispiel. Die beliebte geschichtsphilosophische Diagnose, das Fach komme mit seiner Geschichte ans Ende, kann auch anders gewendet werden: eine neue, historisch reflektierte Philologie ließe sich entwerfen, die auch nicht mehr Germanistik heißen muß.

Um zu vermeiden, daß sich die inerten Traditionen der Disziplin im Lexikon durchsetzten, mußte man bei der Auswahl der Artikel selbst die traditionenbildenden Elemente auseinandernehmen. So werden Außenseiter aufgenommen (etwa die bürgerlichen jüdischen Heineforscher nach 1900, von denen man um 1968 wenig wissen wollte, Ernst Elster und Gustav Karpeles etwa: Jeffrey Sammons hat kürzlich darauf hingewiesen), und daher ist das Lexikon auch entschieden international: Mehr als die Hälfe der Artikel sind Germanisten aus nicht-deutschsprachigen Ländern gewidmet: ganz andere Haltungen werden sichtbar, etwa die der französischen politisch intellektuellen Germanisten. Ich nenne nur Edmond Vermeil und sein Buch ›L'Allemagne contemporaine‹ (1919–1924).

Das Paradox, von dem ich anfangs sprach, besteht also darin, daß ein Lexikon, das historisch an den Schreibtisch des Einzelnen denkt, eine solche öffentliche, d.h. skandalisierende Aufmerksamkeit finden kann. Vermutlich liegt ein Grund in der Geschichte dieser Öffentlichkeit selbst. Darauf weist Ulrich Wyss in dem neuen Heft der ›Geschichte der Germanistik‹ hin. Die Erfahrungen der NS-Zeit wurden in der Geschichte der Bundesrepublik zuerst beschwiegen, dann im Spektakel tribunalisiert, während es jetzt darum geht, zu wissen, zu verstehen und dann erst zu urteilen - um Historisierung also. Die Aufregung um das Germanistenlexikon läßt sich als Kurzschluß aller drei Etappen deuten. Die geschwiegen hatten, sahen sich einer unerwarteten Tribunalisierung ausgesetzt, die zu spät kommen mußte, weil sie aus einer Leistung der Historisierung schöpfte. Nicht an den Betroffenen, sondern an uns liegt es nun, es besser zu machen.

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