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Give the Word

Zur Kritik der Briefe Paul Celans in seinen Gedichten

Die Gedichte Paul Celans wollen – schon vor ihrer Entstehung – den ‚Alltag‘ einer Sprache und Tradition zerstören und neu konstruieren, die für die Juden in Deutschland fatal geworden waren. Die Gedichte sind in diesem Sinn konkret. Der Dichter hat eine weitreichende Entscheidung gefällt: Statt sich einer heteronomen Sprache auszuliefern, setzt er seine Gedanken in den Gedichten sprachlich durch und wahrt den Abstand zwischen Reflexion und Sprache. Celan entzieht seine Gedichte jeder Art sprachtheologischer Spekulation. Er ist in seiner Spracharbeit am Sinn auf sich selbst angewiesen und daher streng bedacht, seinen Einfluß auf das Material auszuweiten, mit dem er arbeitet. Für diesen Zweck aktualisiert er den hermeneutischen Grundsatz, nur schon einmal Verstandenes lasse sich später wieder verstehen – und auch ablehnen. Die Gedanken, die ihm zukommen und die er in seinen Gedichten aufgreift, wollen schon vorher in eine sprachliche Form gebracht worden sein. Daher kommt den Briefen, die Celan schreibt, und auch denen, die er erhält, eine besondere Rolle zu. Sie dienen, wie der Knecht dem Herrn, dem Willen des Dichters.

Der Briefwechsel zwischen Paul Celan und seiner Frau Gisèle Celan-Lestrange,[1] der zugleich in Frankreich und in deutscher Übersetzung erschien, gemeinsam mit den Dokumenten zur ‚Goll-Affäre‘, die Barbara Wiedemann im Jahr 2000 zusammenstellte und herausgab,[2] hat für die Beschäftigung mit Celan eine neue Situation geschaffen. Die Briefe und das reiche Material, das der Kommentar von Bertrand Badiou gibt, legen Celans Leben bis ins Detail offen. Die meisten Kritiker halten die Dokumente für die beste Biographie Celans in dessen Pariser Jahren. Sie lesen die Briefe mit den eigenen Augen und sind gerührt von den Schwierigkeiten, der diese Ehe ausgesetzt war, und voller Bewunderung für den heroischen Stil, mit dem die Eheleute diesen Schwierigkeiten bis zuletzt, wenn auch vergeblich, trotzten. Mit der neuen Situation ist nicht leicht umzugehen, um so weniger, als viele Interpreten aus der Freiheit, die Celan in seinen Gedichten geschaffen hat, schließen, sein Leben sei ohne Interesse. Der Autonomiegedanke verführt dazu, die poetische Kontrolle im Leben zu verkennen. Wozu sollte man, wenn das Leben abgetrennt ist von der Dichtung, das neue Wissen interpretieren? So spielen die Verächter des Biographischen dessen naiven Liebhabern ungewollt in die Hände.

Doch weil Celan die Briefe im Hinblick auf seine Gedichte schreibt, und mit Hilfe der – als Briefe versandten – Gedichte kritisiert, ist seine Korrespondenz weniger konkret, als man denkt. Und, wie ich zeigen möchte, weniger konkret als seine Gedichte. Die Diskretion, die in den Briefen vorherrscht, erweist sich als ihre Form. Diskretion im geläufigen Sinn der Verschwiegenheit, und im linguistischen Sinn des Unterscheidens, denn sie halten auf den Abstand zwischen Leben, Werk und sich selbst. Auf das Werk bezogen und dort radikalisiert, unterscheiden sich die Briefe vom Leben und verschweigen es. Nur wer die Briefe interpretiert, kann sie mit Celans von ihm selbst schon konstruierter Biographie in Verbindung bringen. Sie erhalten dann die Diskretion zurück, die sie, selbst nach der editorischen Offenlegung, gegenüber dem Leben besitzen.

weitere Abschnitte in diesem Aufsatz

1. Losungen

2. Sinn der Losungen

3. Kritik des Judentums


[1]              Paul Celan – Gisèle Celan-Lestrange, Correspondance (1951-1970). Avec un choix de lettres de Paul Celan à son fils Eric, éditée et commentée par Betrand Badiou avec le concours d’Eric Celan, 2 Bde., Paris 2001; Paul Celan – Gisèle Celan-Lestrange, Briefwechsel. Mit einer Auswahl von Briefen Paul Celans an seinen Sohn Eric, aus dem Französischen von Eugen Helmlé, 2 Bde., Frankfurt am Main 2001 (die Übersetzungen in diesem Aufsatz sind alle von Helmlé). Im Folgenden werden die Briefe nach den Briefnummern zitiert, die in den beiden Ausgaben übereinstimmen. Die Werke Celans werden zitiert nach: Paul Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden, hg. von Beda Allemann und Stefan Reichert unter Mitwirkung von Rolf Bücher, Frankfurt am Main 1983, Bd. I-V (Sigle GW). Für einzelne Gedichtfassungen zitiere ich die Tübinger Celan-Ausgabe: Paul Celan, Werke, hg. von Jürgen Wertheimer, Frankfurt am Main 1996ff. (TCA). – Szondis Werke werden im Folgenden auch zitiert nach: Szondi, Schriften, 2 Bde., hg. von Jean Bollack mit Henriette Beese u.a., Frankfurt am Main 1978 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft 219, 220) (Sigle S).

[2]              Paul Celan – Die Goll-Affäre. Dokumente zu einer ‚Infamie‘, zusammengestellt, herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann, Frankfurt am Main 2000 (im Folgenden: Paul Celan – Die Goll-Affäre).

 

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